Stefanie Bürkle
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Stadt, Land, Fluss von Jenny Gaschke
Kunst und Dokumentation sind ein ungleiches Paar, doch gelegentlich wird die Kunst zum Seismograph ihrer Zeit, und in den besten Fällen erfasst sie sogar die Beben einer Generation. Die Künstlerin Stefanie Bürkle hat sich in ihre Zeit eingemessen. Wer seine Kindheit in den 1970er Jahren erlebte, dem ist ihre Kunst die sichtbar gewordene Amplitude auf Erschütterungen eines Erlebens, das man zuvor als selbstverständlich übergangen hat.

In ihrer Fotoserie zu vornehmlich westdeutsch-italienischen Eiscafés mit dem zum Symbol gewordenen Namen „Venezia“ hat die 1966 in Heilbronn geborene Stefanie Bürkle dies im Jahr 2003 für eben diese Kindheit und Jugend der 70er und 80er plastisch deutlich gemacht. Die Bilder gehören in den übergreifenden Kontext ihrer Deutschlandserie zu mittelgroßen Städten.

Wie im tagtäglichen „Daran-Vorbeilaufen“ sind die Fassaden der Eiscafés in ihrer Alltäglichkeit, ja Banalität photographiert und bieten uns den Anknüpfungspunkt sentimentaler Assoziationen unserer „heilen“ Kindheit, deren Teil der Gang ins Eiscafé war, und in die unsere Generation teilweise schon übermäßig verliebt zu sein scheint.  Doch Stefanie Bürkle verliert sich nicht in einer Rückwärtsgewandtheit oder gar in einer fragwürdigen Markenverliebtheit wie Florian Illies in seiner  „Generation Golf“, der akribisch Kindheitserlebnisse anhand von Produkten und Konsumverhalten zusammengetragen hat. Ausgehend vom Titel einer Ausstellung in der Stuttgarter Galerie Vero Wollmann: „Stadt, Land, Fluss“ können die Arbeiten und Projekte von Stefanie Bürkle mit dem Phänomen des künstlerischen Reisebildes verglichen werden. Das so genannte Reisebild, das es seit mindestens 200 Jahren in der europäischen Kunst gibt, hatte kurz gesagt die Funktion, den Zeitgenossen für etwas, was man im weitesten Sinne „Sehenswürdigkeit“ nennen könnte, die Augen zu öffnen.

Auch die Künstlerin Stefanie Bürkle ist in der Situation, Sehenswürdigkeiten durch ihre Kunst überhaupt als erste zu entdecken, oder besser überhaupt erst zu schaffen. Sie findet nämlich mit Kamera oder mit dem  Pinsel Bilder, bildwürdige Blicke in der und in die Welt, die uns umgibt. Die vom Bild oder der Fotografie ausgelöste Assoziation ist ein ganz elementarer Faktor in diesem gemeinsamen Sehen, das wir durch ihre Bilder mit ihr teilen können.

Ein Fundament für das Funktionieren einer Kunst des bewussten Hinsehens ist dabei Bürkles Gefühl für innerbildliche Konstruktion, wie wir sie ihn in Ihrer Arbeit „Mock Ups“ greifen können. Auf dem hart gestampften Untergrund des neuen Messeareals in Stuttgart erblickt der Betrachter aus leichter Untersicht vier Glasfassaden unterschiedlicher Größe. Im Kontext ihrer Präsentation als zukünftiges Baumaterial sind sie auf standardisierte Betonsockel gesetzt worden und werden mit Gerüsten stabilisiert. Nun stehen sie in rechten Winkeln zueinander vor dem hügeligen Hintergrund und ragen darüber hinaus  in den bewölkten, hellgrauen Hintergrund. Die gelenkte Auswahl des Blickes auf diese bautechnischen Gebrauchsgegenstände lässt sie zu einem eigenständig funktionierenden Achsen- und Liniengerüst einer abstrakten Bildflächenkomposition werden; ihre geradezu monumentale Inszenierung in der Ödnis der aufgewühlten Landschaft verleiht  der Fassade mit Fenstern einen poetisierenden Denkmalcharakter.

Diese Fähigkeit zum bildkonstruktiven und -konstruierenden Blick durch die Kamera rührt sicher auch her von Stefanie Bürkles Ausbildung im Fach Bühnenbild und Theaterarchitektur an der Ecole des Beaux Arts in Paris, das ihrem Studium der freien Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin voranging. Die Beschäftigung mit den Pariser Grand Projets in den späten 80er Jahren entstand unmittelbar aus einem architektonischen und bautechnischen Interesse, das sich aus dem Vergleich von städtebaulichen Situationen mit Ausschnitten von Bühnenbildern speiste.

Von hier aus geht sie wie ein reisender Künstler auf die Expedition. Sie bereist ein unentdecktes Land, das sozusagen einen visuellen weißen Fleck in unserem Bildwissen darstellt. Dabei interessiert sie in der Bildauswahl gerade ein Ort wie Berlin, der ihrer Auffassung von der Stadt als Bühne - also der formalen und inhaltlichen Zusammenführung der Begriffe von Architektur und Szenographie, so stark entspricht.

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