Stefanie Bürkle
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Die Welt als Bühne und Konstrukt von Matthias Harder
Fotografie als Dokumentation urbaner Illusionen

Ein geometrisches, dunkles Gebilde landet auf dünnen Stelzen wie ein Ufo auf einer Brache. Es ist über Eck und aus leichter Untersicht wie aus dem Blickwinkel eines Passanten fotografiert. Rechts deutet ein Stück Straße die Erschließung des umgebenden Geländes an, im Hintergrund verweisen mehrgeschossige Bauten auf den urbanen Kontext. Eine einfache, fragile Treppenkonstruktion führt hinauf zu diesem sonderbaren Container. Von hier oben wird in die innere Struktur dieser kompakten, modellhaften Gebäudeeinheit deutlich.

Stefanie Bürkles Fotografien von Fassaden- und Bauelementen, die wie herrenlos in Berlin herumzustehen scheinen, wirken wie Bühnenbauten und sind doch bauliche Realität. Diese fotografische Inszenierung auf der Abbildungsebene kommt nicht von ungefähr: Bürkle studierte Malerei und Bühnenbild, und ihr künstlerisches Werk ist multimedial angelegt. Das Medium Fotografie führt neben der durchaus dokumentarischen Qualität, unsere Außenwelt en detail zu schildern, ein künstlerisches Eigenleben in ihrem Bildwerk.

Auf der Baustelle der Bundespressekonferenz entstand 1999 eine Architekturaufnahme mit mehreren Fassadenelementen, die wie Soldaten nebeneinander aufgereiht am Straßenrand stehen. Davor ist schon – oder noch – eine Straßenlaterne am Rand des Bürgersteiges platziert. Wir würden den Ort heute nicht mehr finden, denn jeder Quadratmeter dieses hauptstädtischen Zentrums erlebte umfassende und vielfältige Umschichtungen und nicht zuletzt zahlreiche Kulissenwechsel. Die Kräne im Hintergrund der Fotoarbeit standen an Europas damals größter innerstädtischer Baustelle, dem Potsdamer Platz. Vergessen sind heute die Diskussionen um Nutzung und Architekturentwürfe, nicht vergessen sind die vielen Mauertoten, die auch hier an der Demarkationslinie zu beklagen waren.
Das Umfeld der Musterfassaden in Bürkles Aufnahme war Niemandsland, Schauplatz langer Spaziergänge entlang der Mauer, filmisch archiviert in Wim Wenders’ „Himmel über Berlin. Heute ist dieser Ort stadtplanerisch komplett verbaut, und die Fassadenelemente als rein temporäre Bauten wurden entsorgt. Doch zuvor blätterten die Architekten und Bauherren für uns in einem Musterbuch für Gebäudeverkleidung, hier allerdings im Maßstab 1:1. Die originalgroßen Modelle erzählen etwas über Oberflächen und Farben, über Materialbeschaffenheit und Proportionen. Die Fassadenöffnungen der Modelle sind Durchblicke ins Nichts; ein abgeschlossener Bereich, ein Raum dahinter existiert nicht. Dafür sind die teilweise dreigeschossigen Musterfassaden nach hinten mit Stelzen abgesichert und bei einem wurde im dritten Stock sogar ein Balkonvorsprung mit eiserner Vergitterung ausgeführt.

Bürkle hinterfragt mit diesen Momentaufnahmen den Repräsentationsanspruch von Architektur. Hier herrscht kein hektisches Treiben auf der Baustelle, sondern die kontemplative Ruhe des Marginalen, keine architektonische Schwere, vielmehr transitorische Leichtigkeit. Und so visualisiert Bürkle zugleich das Vorher und Nachher einer komplexen baulichen Entwicklung im Einzelbild. Es ist ein offenes und zugleich strenges Bildkonzept.

In späteren Aufnahmen dieser Serie fokussiert die Fotografin ihren Blick auf prominente, historische Gebäude aber auch Neubauten in Berlin mit gigantischen Vorhangfassaden aus nicht mehr als bedruckten Folien. Diese Bilder aus dem urbanen Laboratorium einer Großstadt sind Erinnerungsbilder für die Zukunft. Wir verdanken dieser Fotografie einen dauerhaften Blick auf Momente eines radikalen urbanen Transformationsprozesses.

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